Sprache ist unser Werkzeug, unsere Gedanken auszudrücken. Aber hat unsere Sprache auch direkten Einfluss darauf, wie wir denken?
Wer mal eine Fremdsprache gelernt hat, dem ist es sicher aufgefallen: Sprachen unterscheiden sich nicht nur durch verschiedene Vokabeln. Schon lange wird darüber diskutiert, ob verschiedene Sprachen auch die Art und Weise formen, wie wir denken. Eine Assistenz-Professorin der Stanford University ist genau dieser Frage nachgegangen, und hat viele Studien zum Thema Sprache studiert, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Hier findet ihren Bericht (englisch).
Ein paar Beispiele die ich toll fand:
- Im Deutschen heißt es “der Schlüssel” – im Spanischen aber “la llave”; es ist ein weibliches Nomen. Wenn man nun deutschsprachige Menschen nach Adjektiven fragt, um einen Schlüssel zu beschreiben, erhält man hauptsächlich “starke” Beschreibungen wie “metallisch“, “hart” oder “gezackt“. Fragt man spanischsprachige Menschen nach Adjektiven, hört man “klein“, “glänzend” oder “winzig“. Bei dem Wort “Brücke” ist es anders: Unsere “weibliche Brücke” wird mit “fragil“, “elegant” oder “schlank” beschrieben, während die Spanier ihre “männliche Brücke” mit “groß“, “robust” oder “kräftig” assoziieren.
- Viele Stämme der Aborigines, z.B. in Pormpuraaw im Norden Australiens, nutzen keine Wörter wie “vorne”, “rechts” oder “links”, um Positionen zu beschreiben; sie geben Positionen und Richtungen durch die Bestimmung der Himmelsrichtung an. Sie sagen also nicht “An der nächsten Kreuzung rechts” sondern “An der nächsten Kreuzung nach Westen.” Sogar wenn sie sagen möchten “Da ist ein Käfer auf deinem linken Bein” würde es eher klingen wie “Auf deinem südwestlichen Bein ist ein Käfer”. Der Vorteil: Das totale Bewusstsein, wo sie gerade sind – immer und überall.
- Im Türkischen (und wenn ich nicht falsch liege auch im Arabischen) kann man nicht sagen: “Judith schreibt gerade einen Blog.” – man muss immer angeben, woher man diese Information hat, also “Ich habe gesehen, dass Judith gerade einen Blog schreibt” oder “Judith hat mir erzählt, dass sie gerade einen Blog schreibt.”
Das letzte Beispiel hat mich sehr gefreut, weil es mich an meinen Freund Walid erinnert hat. Walid kommt aus dem Libanon, und da ich kaum noch französisch spreche, und leider nur 6 Wörter arabisch, kommunizieren wir ausschließlich auf englisch. Er sagt immer so Sachen wie: “Judith, I see you are feeling better” oder “I feel you are having a good time”. Wir haben ihn immer veralbert, dass er sich anhört wie ein alter englischer Lord. Jetzt weiß ich es besser!
Die beschriebenen Beispiele lassen durchaus den Schluss zu, dass es gravierende Unterschiede in den Weltsprachen gibt, die sicher auch in irgendeiner Weise unser Denken beeinflussen. Ich merke es im Spanischen manchmal z.B. an der Tatsache, dass es keine Nominalkompositionen gibt – weder in der Sprache, noch in meinem Kopf! Wenn ich vom “Vorhang der Dusche” spreche, denke ich erst an den Vorhang, dann an die Dusche.
Ich bin gespannt, welche Ergebnisse uns die Linguistiker in den nächsten Jahren zu diesem Thema präsentieren werden. Schließlich gibt es mehr als 6.000 erfasste Sprachen auf dieser Welt!
Nominalkompositum