Schule von gestern für Kinder von morgen?

Steven Covey hat in einem Artikel für die Huffington Post sehr treffend ausgedrückt, was unsere derzeitige und zukünftige Gesellschaft und Wirtschaft braucht:

Society’s present and future needs and opportunities demand increased capacity for responsibility, creativity and tolerance of differences. Employers and business leaders need people who can think for themselves — who can take initiative and be the solution to problems. They need people who can build trust and get along with others, and solve complex challenges in teams without much supervision.

Unser Schulsystem versagt hier auf ganzer Linie. Es scheint als wäre das ganze System darauf aufgebaut, genau nicht dorthin zu führen. Durch den ständigen Frontalunterricht wird den Schülern die Möglichkeit der kreativen und aktiven Anteilnahme am Unterricht verwehrt. Kindern wird dadurch auch die wichtige Möglichkeit genommen zu lernen, wie man sich breitgefächert Informationen beschafft, diese diskutiert und dann selbstbestimmt eine Richtung einschlägt. Ich glaube der Punkt ist auch verantwortlich für die vielen Scharlatane, auf die Menschen reinfallen und die radikalen Gruppen, denen sie sich anschließen. Wir lernen einfach dem zu folgen, der am lautesten Brüllen kann / die größte Autorität versprüht. Nennt mich einen verdammten Optimisten, aber ich glaube wirklich, dass wir die größten Probleme lösen könnten, wenn wir alle unsere Informationsbeschaffung optimieren würden. Toleranz ist da ein ganz wichtiges Stichwort. Wer früh lernt, nicht nur einer Seite zuzuhören, bleibt von falschen Vorurteilen völlig unbeeindruckt und lernt einen gesunden Umgang mit Menschen, die anderer Meinung sind.  Nur so können wir in der Welt von morgen friedlich zusammen leben. Deswegen finde ich auch die Kopftuchdebatte bei Lehrern total bescheuert: Die Welt da draußen ist voll von Menschen, die anders sind als du. Davor können wir Kinder nicht beschützen. Aber je früher wir unseren Kindern den Rest der Welt zugänglich machen, umso besser werden sie sich in dieser zurecht finden können. Wir sollten Individualität begrüßen; nicht verfluchen.
Ich würde zum Beispiel auch den Religionsunterricht komplett abschaffen und stattdessen das Fach “Kultur” auf meinen Stundenplan schreiben. Hier ginge es dann u.a. um die vielen Religionen, die es so gibt auf der Welt und die unsere Kulturen mitgeprägt haben. Über die eigene Religion lernt man genug in der eigenen Kirche. Am Kultur-Unterricht würden alle zusammen teilnehmen – wir grenzen uns außerhalb der Schule schon zu Genüge von anderen aus. Die Schule sollte auf Gemeinsamkeit setzen.
Was ich persönlich ganz furchtbar finde, ist unser “3 Klassen – Schulsystem”. Ich habe damals in der 6. Klasse miterlebt, wie ein Mädchen wegen schlechter Noten in den Naturkunde-Fächern auf die Hauptschule abgeschoben wurde. Dieses Mädchen war nicht nur gut in sprachlichen und kreativen Fächern – dieses Mädchen hatte eine so bemerkenswerte soziale Kompetenz und Weitsichtigkeit für ihr Alter, dass ich sie schlichtweg angehimmelt habe. Aber sie wurde wegen ein paar schlechter Noten einfach auf die Hauptschule abgeschoben. Ein 12-jähriges Mädchen, dem quasi gesagt wird: Nee, der mittlere Lehrweg ist nichts für dich, du gehörst nach ganz unten. Sie war grade mal 12 Jahre alt! Das Schlimmste: Ich habe sie später noch zweimal gesehen: Am Autoskooter unserer Dorfkirmes. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Was immer es ist, ich bin sicher, sie hätte noch viel viel mehr erreichen können. Aber leider nicht in Deutschland; hier werden Kinder einfach weg-sortiert. Wie kann man denn erwarten das sich Menschen einer Gesellschaft unterordnen, die sie nur mit Füßen tritt, von Kindesbeinen an? Wir verschließen den Kindern jeden Weg in eine gute Zukunft, und wundern uns, dass sie sich einen Dreck um sich und andere scheren. Jedes Kind kann etwas erreichen, und wir müssen ihnen alle Möglichkeiten eröffnen, genau dies zu tun. Hier finde ich das Schulprojekt “The One Big Thing” von The Energy Project sehr bemerkenswert. Hier können die Schüler sich nicht nur einem Projekt widmen, dass sie ganz persönlich toll und interessant finden und dieses meistern; sie lernen auch wie sie ihre Fähigkeiten am besten einsetzen können, wo ihre Schwächen liegen, was sie motiviert – wie sie “ticken”. Und dabei stärkt es ihr Selbstbewusstsein wenn sie wissen: Es gibt da was, in dem ich gut bin. Es gibt da etwas, was mich völlig begeistert; eine Aufgabe, in der ich voll und ganz aufgehen kann. So lässt sich der restliche Dreck im Leben gleich viel besser ertragen, nicht?

Was würdet ihr an der Schule ändern? Wie können wir Kinder heute auf die Welt von morgen vorbereiten? Jeder, der hier seine Meinung zu diesem Thema kund tut, kriegt in meiner Schule eine glatte eins – mit Sternchen! ;)

4 Responses to “Schule von gestern für Kinder von morgen?”

  1. Nikolai says:

    Na die Eins mit Sternchen und Bärchi-Stempel hol ich mir aber sehr gerne ab :) Reli durch Kultur zu ersetzen ist schonmal ein Ansatz, der meine uneingeschränkte Zustimmung erhält. Fragwürdig in seiner jetzigen (bzw. “damaligen”) Form fand ich persönlich immer den “Jungen-Sportunterricht”. Ich finde Ballsportarten (bis auf Volleyball) furchtbar – ich kann einfach mit Fußball, Basketball, Handball & Konsorten nichts anfangen. Als “Junge” ist man aber dazu verdammt sich bei jeder Gelegenheit mit den Mitschülern, die zum absoluten Gros in Fußballverein & Co. sind, im Schulsport abzumühen. Obendrein waren 3 von 4 Sportlehrern leider pädagogisch absolut nicht auf der Höhe. Mir persönlich hat der Sport-Unterricht zu einem großen Teil die Lust am Mannschaftssport genommen. Aber gut, das ist ein Nebenkriegsschauplatz. Zu Wichtigerem:
    Was ich enorm sinnvoll fände wäre _Praxisbezug_ !! Basics in Mathe & Co. sind auf jeden Fall wichtig, und braucht man sicher irgendwie. Aber mit den Basics ist man ja schon nach wenigen Jahren durch, was dann im 13-jährigen Schulsystem folgt ist etliche Jahre komisches Rumgefuhrwerke mit irgendwelchen ominösen mathematischen Problemen, die mir seit meinem letzten Schultag nie wieder begegnet sind – und das obwohl ich wenigstens einen Studiengang gewählt hab der sich “Medieninformatik” schimpft – da sollte man meinen dass schon allein durch das “informatik” der Stoff aus der Schule gebraucht werden würde. Absolut nicht.
    Ich habe mein Studium an der Berufsakademie absolviert, also eine Mixtur aus Studium und Ausbildung im Unternehmen. Besonders positiv fand ich am Studium, dass fast ausnahmslos alle Dozenten direkt aus der Wirtschaft kamen, und nahezu alle Fächer einen sehr hohen Praxisbezug hatten, sowie möglichst wenige Klausuren geschrieben, dafür aber möglicht viele bewertete Projekte in Teams durchgeführt wurden.
    Der Aufwand, den die Studiengangsleitung und die Dozenten mit uns paar Studenten betrieben haben war jedoch auch enorm, da ist es nachvollziehbar bzw. naheliegend, das ein ähnliches System für die Schule mit ihren überfüllten Klassen mehr als schwer umsetzbar ist.
    Was ich nicht verstehen kann, ist wie es sein kann dass so wahnsinnig viele junge Menschen Ihren Schulabschluss machen und danach _keinerlei_ Ahnung haben was sie beruflich machen möchten. Da ist doch schon offensichtlich, dass das Schulsystem irgendwie versagt haben muss!? Wenn es der Schule nicht gelingt Stärken herauszukristallisieren und zu fördern, und somit dem Schüler Ideen an die Hand zu geben, wohin einen der berufliche Weg denn führen könnte, sondern den Schüler noch in der Abiprüfung lieber mit kryptischen mathematischen Formeln geiselt, die er danach nie wieder in seinem Leben auch nur ansatzweise brauchen wird, dann ist das doch schon bedenklich.

  2. Judith says:

    Mein erster Einser-Schüler! :)
    Ja, der mangelnde Praxisbezug ist sicher auch ein echtes Problem. Hier werden ja auch gerne die Maßstäbe irgendwie verdreht. Ich hatte bei Englisch-Arbeiten immer eine schlechtere Note als Mitschüler, die sehr „einfaches“ Englisch benutzt haben, aber dafür weniger Rechtschreibfehler hatten. Klar, man sollte die Wörter auch richtig schreiben können. Aber in Zeiten von Korrekturprogrammen komme ich mit „meinem Englisch“ einfach mal viel weiter als Leute, deren Sätze nur aus Subjekt, Verb, Adjektiv und Prädikat bestehen. Wer mich nach meinem Zeugnis beurteilen würde, hätte teilweise ein völlig falsches Bild von meinen Fähigkeiten – sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Noch so ein Thema…
    Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass „die veralteten Methoden von gestern auf die neuen Medien von heute“ übertragen werden. Das ist natürlich eine schöne Art und Weise, die altertümlichen Züge unseres Schulsystems hübsch zu verpacken. Du bringst den Schülern zwar bei, wie man den Computer benutzt, aber zur Recherche für ein anderes Fach können sie ihn nicht benutzen; da wird einfach weiter das olle Schulbuch hervor geholt.
    In Zukunft wird man keine Leute brauchen, denen man erst genau diktieren muss, was sie machen sollen. Dafür haben wir Computer und Maschinen, und die sind meistens auch noch effizienter als wir. Wir brauchen Denker, Macher, Team Player, Leader. Unser Schulsystem steht dem meiner Meinung nach völlig gegensätzlich gegenüber.

  3. AM says:

    i could also imagine that a school teaching in different ‘modes’ of teaching could be beneficial… including Frontalunterricht.
    maybe so as to show that there are different ways of learning. learning together, learning alone, learning trough a teacher, learning by doing, whatever…

    i would be surprised if there were one optimal way of teaching, i think it depends both on the topic and the person you’re teaching.

    maybe that’s what you mean by denker, macher, team player, leader. actually these goals are quite incompatible, don’t you think?
    maybe i don’t understand if you want leading team-players, team-playing leaders OR team-players on the one hand, and leaders on the other OR team-playing leaders as well as team players and leaders.

  4. Judith says:

    Hi AM,

    Thank you so much for your comment. You are absolutely right: It would be very beneficial to provide students with different ways of learning. Not only because it is crucial for their later success – we also need to enthuse students for education. Giving students the possibility to be a part of education rather then just being “the audience” of it might be a boost not only for better performance, but for a whole new outlook on education itself. I too don’t think there is “the one” optimal way of teaching, just as there is not only one way of learning.

    I don’t see why being a thinker, maker, team player and leader should be incompatible. For some people, there is only being a leader OR a team player, but I say: You sure can be both! “Leading” does not necessarily mean that you rule; just like team playing doesn’t mean no one is responsible. Leading a team means that you provide motivation, that you push others forward, that you connect people involved and that you help your team find their course. Imagine the great outcome if not only one, but actually a bunch of people within a team would act this way!
    And as for thinkers and makers: During the industrial age, there was a huge gap between people who think and people who actually do the work. But today we need people who work as independent as possible and who can accomplish tasks without much supervision. This is not only to a direct financial benefit for the company – having people think about improvements and alternatives that have not only theoretical but practical experience in the field is the best input you can ever get. It doesn’t matter if you are a secretary, a construction worker, a cleaner or a sales person – as your work gets more self-directed and independent, your company will benefit more and more.

    I hope there will be a further discussion about this topic and I am looking forward to more input and insights!

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