Ich hatte neulich die Gelegenheit, bei einer Firma mal in den “Evaluation Process” reinzuschauen, und ich war wirklich schockiert. Da muss ein langjähriger Angestellter im Kundenservice Angst um seinen Bonus haben, weil ihm sein Vorgesetzter beim Punkt “Wasser sparen” leider nur 3 von 5 möglichen Punkten gegeben hat. Angst vor Spitzeln und Überwachung – jetzt also auch schon vor dem Handwaschbecken, meine Damen und Herren! Andere Firma, gleiches Maß an Wahnsinn: Angestellte wird fristlos entlassen, weil sie unerlaubterweise den Internetzugang privat genutzt hat. Warum? Sie hatte freiwillig unbezahlte Überstunden gemacht um einen dringenden Kundenauftrag abzuwickeln, und hatte zu später Stunde geschaut, wann sie einen Bus nach hause erwischen kann. Vor Gericht hätte die Dame die Kündigung sicherlich unwirksam machen können – wollte sie aber garnicht. Wer will schon für so einen Laden arbeiten?
Aber echter Kontrollwahn zeichnet sich nicht nur durch Schikane der Angestellten aus; echter Kontrollwahn hat auch weder Sinn noch Verstand. Ein Praxisbeispiel: Der Außendienst einer Handelsfirma bekommt die Anweisung, jeden Tag genau darüber Buch zu führen, wie viele Cold Calls, Angebote, Servicetelefonate etc. gemacht wurden. Ganz schön aufwendig. Nicht nur für die Außendienstmitarbeiter, sondern auch für die Vorgesetzten, die diese Zahlen und Vorgaben regelmäßig kontrollieren müssen. Dann hat jemand den Einwand, dass “200 Cold Calls” ja nicht beweisbar sind und hier ja “Raum für Manipulation und Betrug” wäre. Also sollen die Salesleute von nun an auch aufschreiben, welche Firmen angerufen wurden, mit wem man worüber gesprochen hat und die Kontaktdaten hinterlegen, damit gelegentlich stichprobenartige Kontrollen durchgeführt werden können. Das nun ca. 30 bis 40% der Arbeitszeit dieser Verkäufer für Schreibarbeiten draufgeht und eben nicht für das Verkaufen, ist schonmal vom Prinzip her schlecht für ein Handelsunternehmen. Aber weiterhin wird sich hier ganz schnell Frust im Team breit machen: Nicht nur wegen der deutlichen Demonstration fehlenden Vertrauens, sondern auch, weil ein Verkäufer mit stupider Schreibarbeit schlicht und ergreifend nicht glücklich ist. Das ist nicht sein Ding. Sein Ding ist verkaufen.
Liebe Leser, ich bin kein allwissendes Orakel, aber bei der Sache bin ich mir ganz sicher: Mit Überwachung, Kontrolle und Druck erreicht ihr genau das Gegenteil von dem, was ihr wollt. Eure Mitarbeiter werden frustriert, genervt und ängstlich sein, und so erreicht man nichts. Es ist für niemandem, in keinem Beruf, förderlich. Die Konzentration sinkt und damit auch die Effizienz, der Frust steigt und so sinkt das Engagement, und niemand wird sich Mühe geben, einen großartigen Job zu machen für Menschen, die dem weder trauen noch dies schätzen.
“Vertrauen ist gut; Kontrolle ist besser” manifestiert sich in unseren Köpfen leider immer mehr. Heute besteht Mr. 0 8 15 auf einen Ehevertrag; Eltern machen sich falsche Facebook-Accounts, um ihre Kinder auszuspionieren, und Firma XY behält sich vertraglich das Recht vor, alle Angestellten und deren Eigentum zu jedem Zeitpunkt unangemeldet durchsuchen zu können. Was für ein Armutszeugnis für uns und unsere Gesellschaft, und was für eine Sackgasse im Streben nach wirtschaftlichem Erfolg!
Freut euch auf den nächsten Post; dann gibt es Tipps und Tricks für sinnvolle Kontrolle der Arbeitsleistung.
Tags: Business, Management, Mitarbeiter-Motivation, Personal
Mann, was bin ich froh, dass ich nicht bei so einer Firma arbeiten muss. Bei uns ist die größte Sorge vom Chef, dass nicht jeder im Büro seinen Schreibtisch so stellen kann, dass er schön ungestört und sicher vor den Blicken der anderen arbeiten kann.
Und wenn man mal statt zu arbeiten sich ein lustiges Video bei Youtube guckt kriegt man höchstens Anschiss, wenn man den Link nicht weiter schickt.
Und trotzdem kriegen wir unsere Arbeit geschafft, obwohl wir sogar chronisch unterbesetzt sind.
Schon komisch, nicht?
Lieben Dank für deinen Kommentar Björn – jedes praktische Beispiel, wie es anders geht, ist immer gerne willkommen!
Ich hoffe, dass sich zukünftig “innovativere” Managementstrategien, besonders im Personal Management, durchsetzen werden. Dieses “Staff vs. Management” – Klima ist weder sinnvoll noch produktiv.